Deutscher Gewerkschaftsbund

01.10.2020
30 Jahre Wiedervereinigung

"Radikale Umbrüche"

Ralf Hron ist Regionsgeschäftsführer DGB Südwestsachsen. Er saß 1989 als Gewerkschafter mit am zentralen „Runden Tisch“ der Jugend. Wir sprachen mit ihm anlässlich des 30. Jahrestags der Wiedervereinigung über sein Leben, bewegte Zeiten, Touren durch den „wilden Osten“ und Rechtsextremismus.

Ralf Hron, Geschäftsführer DGB Südwestsachsen

Ralf Hron, Geschäftsführer DGB Südwestsachsen DGB SWS

1983 begann es: Ralf Hron trat in die Gewerkschaft ein, als Schriftsetzer, in der DDR. Mit heutigen Gewerkschaften hatte diese recht wenig zu tun, meint er. Trotzdem begann damit eine Leidenschaft, die bis heute anhält. 1989 war Ralf Volontär bei der Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ und engagiert im „Neuen Forum“ in Ost-Berlin. Schnell saß er am zentralen „Runden Tisch“ der Jugend, weil er etwas tun wollte, auch wegen der Unruhen in den Betrieben. Bald war er Sprecher der Gewerkschaftsjugend und dann Vorsitzender des provisorischen Jugendrates. Die Wende, die Wiedervereinigung und die Zeiten der Deindustrialisierung und der Massenarbeitslosigkeit danach erlebte er sozusagen „an vorderster Front“. Heute ist er in Chemnitz Regionsgeschäftsführer des DGB Südwestsachsen und setzt sich immer noch dafür ein, dass die Menschen nicht zurück bleiben in Transformationsprozessen. 

Ralf, du hast als Gewerkschafter die Wiedervereinigung vor 30 Jahren erlebt und mit gestaltet. Wie war das?
 

Seit Jahren brodelte es damals in der DDR. Die Einheitspartei SED hatte sich den Staat quasi zur Beute gemacht. Es gab auch sehr viel Unzufriedenheit in den Betrieben und jahrelang eine extreme Mangelwirtschaft. Mangel an allem, an Material, an Personal. Da war Unzufriedenheit ohne Ende, bei vielen Menschen.

Dann kam die Wende und ich saß am Runden Tisch der Jugend. Wir wollten unter anderem eine neue freie Jugendhilfe schaffen und verhindern, dass Vermögen verscherbelt wird, zum Beispiel der FDJ. Das war eine klassische Auseinandersetzung dieser Zeit. Es gab Kollegen, die haben Bargeld in Koffern zur Bank nach Westberlin gebracht, damit das nicht verschwindet. Es sollte zum Aufbau der Jugendarbeit im Osten verwendet werden. Ich erinnere mich auch an die Beschlagnahmung eines Millionen schweren Kontos der FDJ, um sie der künftigen Jugendhilfe zur Verfügung stellen.

Schnell war klar, dass es Richtung deutsche Einheit geht. Modrow schlug damals ja zuerst eine Föderation mit dem Ziel einer Vereinigung vor. Aber die Bürgerinnen und Bürger wollten, dass die Einheit noch viel, viel schneller kommen muss. Schnell gab es den Beschluss zur Währungsunion und die schnelle staatliche Einheit durch Beitritt zum Bundesgebiet. Im Frühjahr 1990 war damit uns auch klar: das muss auch in eine einheitliche Gewerkschaftsbewegung münden und zwar nach dem Modell DGB und Gewerkschaften West. 

Da war Unzufriedenheit ohne Ende, bei vielen Menschen.

Ihr habt das Modell Gewerkschaften West übernommen. Was gab es für Probleme dabei?

Damit ging der Kampf erst so richtig los. In der DDR war fast jeder Gewerkschaftsmitglied. Die Gewerkschaft war das Vollzugsorgan der Partei, der SED, auf betrieblicher Ebene. Außerdem organisierte sie Kultur und Ferienangebote. Das ist nicht das, was wir heute als Gewerkschaft bezeichnen mit Interessensvertretung und Sozialpartnerschaft. Den Gewerkschaften im Osten liefen damals jedenfalls in Scharen die Mitglieder weg. Sie brauchten eine neue Legitimationsbasis. Der DGB wollte nicht mit den alten FDGB-Funktionären verhandeln und natürlich nicht den gesamten Apparat übernehmen müssen. Es waren beispielsweise 18.000 Menschen alleine im Feriendienst beschäftigt.

Es gab einen Kampf zwischen Altkadern und Neuen, zwischen Pfründe sichern und reformieren. Da ging es um sehr viel Geld und Immobilien. Im Mai 1990 haben wir auf Antrag der IG Transport – ich war auch dabei – schließlich die Spitze des FDGB entmachtet, einen Sprecherrat zum Übergang eingerichtet und die Auflösung beschlossen.

Es gab einen Kampf zwischen Altkadern und Neuen, zwischen Pfründe sichern und reformieren. Da ging es um sehr viel Geld und Immobilien.

Die FDGB war also entmachtet. Wie habt ihr neue Gewerkschaften gegründet?

Es ging darum, dass jedes Mitglied in seine passende Gewerkschaft im DGB – damals waren es noch 16 Gewerkschaften – übertritt. Die Mitglieder sollten nicht einfach so übernommen werden. Jede und jeder sollte für sich den Schritt selbst vollziehen und bewusst in eine Gewerkschaft eintreten.

In dieser Zeit waren wir jeden Tag in einer anderen Stadt von Rostock bis Zinnwald, von Frankfurt/Oder bis Magdeburg unterwegs und haben versucht die Prozesse zu organisieren.

Damals habe ich viele verrückte Dinge erlebt. Am Tag der Währungsunion war von einem Tag auf den anderen im selben Hotel das Frühstück doppelt so teuer und in Westmark zu bezahlen. Und zwar bar. Das war auf der ersten Infobustour der IG Metall, ÖTV, IG BCE und der DGB Jugend durch den wilden Osten.

Wofür habt ihr euch als Gewerkschaften damals vor allem eingesetzt?
 

Wir haben massiv gekämpft, dass industrielle Kerne in Ostdeutschland und Arbeitsplätze erhalten bleiben und für unendlich viele Lösungen für die entlassenen Beschäftigten. Der Erhalt industrieller Produktion mit einer beeindruckenden Forschungslandschaft drum herum wurde später der wesentliche Grund für den heutigen wirtschaftlichen Erfolg. Das war ein entscheidender und wichtiger Schritt, warum man insgesamt sicher ein positives Fazit der Einheit ziehen kann. Daran waren Gewerkschaften ganz wesentlich beteiligt. Wir haben heute hier in der Region Chemnitz, wie in einigen Regionen Ostdeutschlands, eine breit und vielfältig aufgestellte Fertigung. Sachsen selbst war schon immer sehr industriell geprägt.

Wir haben massiv gekämpft, dass industrielle Kerne in Ostdeutschland und Arbeitsplätze erhalten bleiben und für unendlich viele Lösungen für die entlassenen Beschäftigten.

Du hast erzählt, dass das Frühstück doppelt so viel kostete nach der Währungsunion und das in Westmark. Welche Veränderungen und Probleme gab es bei der Wiedervereinigung?
 

Das war eine echte Vakuumzeit. Es gab unendlich viele neue Möglichkeiten, alles war neu und es war noch unklar, was kommen wird. Es gab radikale Änderungen, finanziell und im gesellschaftlichen Zusammenleben. Das eher kollektiv geprägte DDR-Leben wurde abgelöst vom individualistischen Leben des Einzelnen. Manche sagen, von Gemeinschaft zu Ellenbogen.

Nachdem die Einigung beschlossen war, waren alle DDR-Betriebe von den Märkten abgeschnitten. Von heute auf morgen. Das ist unvorstellbar, das ist quasi die Stunde Null. Und daneben gab es den Partner BRD, der wirtschaftlich extrem stark war. Mit einer einfachen Ausweitung der Produktion im Westen konnten sie 16 Millionen Ostdeutsche quasi ohne Probleme mit ernähren. Die brauchten den Osten de facto nicht. Das haben manche Spesenritter die Ostler auch spüren lassen. Nicht nur die Märkte für Ostprodukte brachen zusammen, fast alle Dinge und sehr viele Erfahrungen waren praktisch nichts, oder wesentlich weniger wert.

Die Privatisierung der Ostbetriebe war ein sehr schwieriger Teil des Einigungsprozesses. Die Treuhand ist nach wie vor ein Wort des Schreckens im Osten. Weniger bekannt ist: 750 DDR-Betriebe wurden schon vor der Treuhand privatisiert. Das waren natürlich die Filetstücke der Betriebe. Bei dreien habe ich direkt mitgemischt, bei Interflug zum Beispiel. Die Flugrechte waren interessant für die Lufthansa. Auch Hotels waren dabei oder z.B. Roboton, also Profit versprechende Unternehmen.

Die Treuhandbildung selbst war eigentlich eine Idee, wie man das DDR-Vermögen auf die Bürger aufteilen kann. Aus der Treuhand ist dann aber etwas komplett anderes gemacht worden. Die Treuhand steht für eine Deindustrialisierung ohne Beispiel und die damit einhergehende immer stärker grassierenden Massenarbeitslosigkeit. Die wenigsten haben das vorausgesehen im Osten.

Die Ostdeutschen waren offen und neugierig ohne Ende, offen bis zur Blauäugigkeit. Aus dem Westen haben viele mit uns gekämpft wie die Weltmeister. Aber es gab auch die Glücksritter, die mit „Buschzulage“ hier rüber kamen.

Nachdem die Einigung beschlossen war, waren alle DDR-Betriebe von den Märkten abgeschnitten. Von heute auf morgen. Das ist unvorstellbar, das ist quasi die Stunde Null.

Zwei von drei Arbeitsplätzen in der Industrie fielen weg. Was genau ist da passiert?
 

1990 war der Kapitalismus dann plötzlich da. Jetzt roch er nicht nur gut. Man konnte alles kaufen. Und dann fingen die wirtschaftlichen Probleme an. Das waren Auseinandersetzung ab 1991 über die folgenden drei bis fünf Jahre mit vielfältigen Auswirkungen bis heute. Es gab eine Deindustrialisierung und eine Arbeitslosigkeit in einem Ausmaß, das war unvorstellbar. 40 Prozent waren wechselnd arbeitslos in dieser Zeit. Auch alle, die einen Job behalten haben, waren mit radikalen Umbrüchen und Wechsel im persönlichen und betrieblichen Leben konfrontiert. Aber 40 Prozent sind auf die Straße geflogen. Das prägt sicher lange noch. Denken wir nur an die Alterssicherung. Das hat auch mit der gesamten Gesellschaft etwas gemacht. Die Entwertung sämtlicher Lebenszusammenhänge, sämtlicher Erfahrungen, persönlicher Qualifikationen, aller Dinge – das macht etwas mit den Menschen. Das ist ganz sicher ein wesentlicher Grund für das Lebensgefühl vieler Ostdeutscher. Und für das Gefühl von mangelndem Respekt gegenüber Lebensleistungen.

Erfahrungen, Erwerbsbiografien, Erspartes – vieles war plötzlich wertlos. Was ist mit den Menschen passiert?
 

Diese ganze Zeit wurde noch nicht aufgearbeitet, nicht als Gesellschaft und auch nicht als DGB. Das hat mit der sogenannten Unzufriedenheit der Ostdeutschen zu tun. Unsere gesamten Erfahrungsprozesse aus der Zeit davor waren ja de facto wertlos.

Zu der Zeit waren wir allerdings nicht veränderungsmüde. Wir haben Veränderungen erlebt und gemacht, die in Westdeutschland keiner erlebt hat. 1989 und 1990 waren zwei Jahre, da haben wir so viel erlebt wie sonst in 20 Jahren nicht. Die Veränderungen sind in einem Tempo, in einem Umfang passiert, das kennt kein Westdeutscher. Ich wehre mich deshalb dagegen, wenn es heißt, die Ostdeutschen sind veränderungsmüde.

Wir haben eine Generation, die sich durchgehangelt hat. Wir haben eine Generation, die langzeitarbeitslos war. Meine Schwiegermutter zum Beispiel war mehr als 13 Jahre arbeitslos. Davor war sie eine ganz normale Arbeiterin in einem Kombinat, so wie viele, in der Lohnbuchhaltung. Nach 13 Jahren kann man doch kaum noch landen auf dem Arbeitsmarkt.

Und wir haben auch viele Menschen, die sich emporgearbeitet haben. Wir sind eine Art Überlebensgesellschaft. Viele haben sich auch aus der Not heraus selbständig gemacht und Unternehmen gegründet. Die haben mit den Beschäftigten geschuftet wie die Weltmeister. Oft jahrelang ohne Tarifbindung und nicht wenige für Billiglohn.

Die Entwertung sämtlicher Lebenszusammenhänge, sämtlicher Erfahrungen, persönlicher Qualifikationen, aller Dinge – das macht etwas mit den Menschen.

Wo steht ihr heute?
 

Der Wohlstand und der Reichtum, der hier geschaffen wurde, der ist gegenüber DDR-Zeiten natürlich unglaublich. Die Geschichte der Einheit ist eine echte Erfolgsgeschichte. Auch eine Geschichte von sehr viel Solidarität, von vielfältiger Unterstützung aus dem Westen für den Osten. Wir haben eine moderne Infrastruktur, sanierte Straßen und Dörfer und Städte. Leipzig, Erfurt, Dresden, Potsdam: wenn man sich die anschaut, das hat nichts mehr mit DDR-Zeit zu tun. Leipzig und Dresden waren vor allem grau und an vielen Stellen dreckig. Die Natur und die Umwelt waren extrem von Schadstoffen und Abgasen belastet. Den Braunkohlengestank kannte in der DDR jeder, ebenso wie die Luft hinter einem Zweitakter-Trabant. Heute sehen viele Kommunen besser aus als im Westen.

Die Lohnsituation ist allerdings immer noch in weiten Teilen schlechter als im Westen. Das steht aber nicht allein. Das Vermögen der DDR-Familien ist immer noch ungleich kleiner als im Westen. In Ostdeutschland wurde nach 1945 auf Null geschaltet, es wurde alles abgebaut. Die Besitzverhältnisse insgesamt sind in der Breite wesentlich schlechter. Das wirkt sich zum Beispiel stark auf die Altersversorgung auf.

Die Menschen haben sich hier trotzdem mit sehr viel Fleiß und oft genug auch mit Selbstausbeutung einen stattlichen Reichtum geschaffen. Selbstausbeutung ist übrigens ein großes Stichwort für uns – das hat auch mit fehlender betrieblicher Mitbestimmung, geringerer Tarifbindung als im Westen und mit Billiglöhnen zu tun. Wir haben Anfang der 90er Jahre – übrigens oft genug erfolglos – unsere Kolleginnen und Kollegen im Westen gewarnt: Was die bei uns im wilden Osten ausprobieren, machen sie später auch bei euch.

Der Wohlstand und der Reichtum, der hier geschaffen wurde, der ist gegenüber DDR-Zeiten natürlich unglaublich. Die Geschichte der Einheit ist eine echte Erfolgsgeschichte.

Und was ist zu kurz gekommen?

In diesen Umbruchzeiten hat man manche Gefahren unterschätzt, zum Beispiel beim Rechtsextremismus. Mehr als zwanzig Jahre haben sehr viele politische Verantwortliche, Verwaltungen und Teile der Gesellschaft das Problem ignoriert. Wir haben heute Nazis auf der Straße, das sind die Kinder der Nazis, die nach der Wende damit begonnen haben. Die Jugend war in der Krise nach der Wende. Sie waren verunsichert, die Eltern selbst unsicher und sie waren objektiv benachteiligt. Um zu helfen wurden zum Beispiel Jugendclubs aufgebaut mit der sogenannten akzeptierenden Jugendarbeit. Die haben dort aber einfach die Nazis ihr Ding machen lassen. Und zwar in allen Neuen Ländern. In einem dieser Clubs in Jena-Lobeda sind Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe und Uwe Mundlos dann später groß geworden: von pubertierenden Kindern bis zu mordenden Untergrundkämpfern des NSU. Das ist ein Beispiel, das Problem ist noch wesentlich breiter.

Wir haben heute Nazis auf der Straße, das sind die Kinder der Nazis, die nach der Wende damit begonnen haben.

Was sollten wir heute aus der Zeit vor dreißig Jahren lernen?
 

Es gab damals ein unglaubliches Potenzial von politisch engagierten Menschen. Ich meine, das wurde nicht in dem Maße genutzt, wie es notwendig gewesen wäre. Auch nicht beim DGB. Wir haben Zeiten erlebt, in denen es ums echte wirtschaftliche Überleben ging. Und in den unmittelbaren Wendemonaten und davor auch um Gesundheit, Leib und manchmal das Leben. Nicht nur der Knast und die Stasi drohten. Wir mussten echte Angst überwinden. Bei den ersten Demonstrationen wurden viele verhaftet, da waren Männer der Kampfgruppen, Polizei und Zivilisten mit Maschinenpistolen im Einsatz. Das vergisst man nicht! Diese Zeit und das was dann folgte, müssen wir als Ostdeutsche unbedingt noch aufarbeiten. Denn die eher westdeutsch geprägte Wendegeschichte fängt in der Regel erst weit nach den Oktober- und Novembertagen von 1989 an. Das wird dem Prozess nicht gerecht.

Auch heute stehen wir wieder vor einer tiefgreifenden Transformationen, zum Beispiel mit der Digitalisierung, dem ökologischen Umbau und vielem mehr. Die betrifft uns alle. Das wird noch sehr spannend. Wahrscheinlich sind viele Menschen im Osten nach all diesen Erfahrungen doch ein wenig veränderungsmüde. Es gibt aber auch einen ganz unglaublichen Erfahrungsschatz, wie man Änderungen bewältigt, und viele Erfahrungen mit Solidarität.

Zum Schluss möchte ich noch sagen: Es gab viele, viele Kolleginnen und Kollegen in Ost und West, die ganz wunderbar zusammen gearbeitet haben. Dafür auch unbedingt einen herzlichen Dank!


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