Deutscher Gewerkschaftsbund

24.02.2017
Fachkräfte gesucht

Bäcker-Schwund in Südwestsachsen stoppen

NGG fordert: Backstuben attraktiver machen

NGG

NGG Hron

Bäcker-Abwanderung stoppen: Ca. 6.800 Bäckerei-Beschäftigte in Südwestsachsen sollen mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen bekommen. Damit will die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) einen drohenden Fachkräfte-Schwund in Sachsen verhindern. „Viele Bäckermeister im Freistaat klagen über fehlenden Nachwuchs. Gerade gelernte Kräfte suchen ihr Glück – und vor allem den höheren Lohn – lieber in anderen Bundesländern“, sagt NGG-Gewerkschaftssekretär Thomas Lissner. Verantwortlich dafür seien neben der niedrigen Bezahlung auch die harten Arbeitsbedingungen. Die NGG fordert den Landesinnungsverband Saxonia des Bäckerhandwerks deshalb dazu auf, einen neuen Tarifvertrag abzuschließen und die Branche attraktiver zu machen.

In Bayern geht ein erfahrener Bäckergeselle mit einem Stundenlohn von rund 14 Euro nach Hause. Eine Fachverkäuferin kommt dort auf 12,20 Euro pro Stunde, so Lissner: „Davon können in Sachsen die allermeisten Beschäftigten nur träumen. Ein Großteil der gelernten Kräfte verdient kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn.“ Das will die NGG Dresden-Chemnitz „möglichst rasch ändern“. Ziel sei ein zweistelliger Stundenlohn – also „10 Euro plus x“.

Volkmar Heinrich

Volkmar Heinrich NGG Dresen-Chemnitz. Hron

Bei Bäckerei-Visiten hat sich die Gewerkschaft in den vergangen Wochen ein Bild über die Situation in den heimischen Betrieben gemacht. „Viele Bäckermeister zeigen sich offen für einen Tarifvertrag und wollen, dass dieser für alle gilt“, berichtet Lissner. Die NGG macht sich für einen Tarifvertrag mit Entgelten deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn stark. Dieser soll vom Gesetzgeber für allgemeinverbindlich erklärt werden und damit für alle Bäckereien in Südwestsachsen und in ganz Sachsen gelten. Das schaffe faire Wettbewerbsbedingungen. „Schluss mit der Lohndrückerei. Der Dumping-Konkurrenz muss ein Riegel vorgeschoben werden“, sagt Lissner. Nun sei der Landesinnungsverband am Zug. Ein Tarifvertrag käme landesweit knapp 16.000 Beschäftigten zugute.

Grund für die Abwanderung in die alten Bundesländer sei auch die hohe Arbeitsbelastung, ist sich die NGG sicher. „Im Erzgebirgskreis ist die Personaldecke vieler Bäckereien extrem dünn. Wenn da mal eine Verkäuferin krank wird, muss eine andere schnell einspringen. Das führt in der Praxis oft zu einem regelrechten Filial-Hopping und teilweise zu Ganztagsschichten bis zu 14 Stunden“, so die Berichte der Verkäuferinnen bei den Filial-Besuchen.

Außerdem kritisierten die Beschäftigten oft, dass der Umgangston und die Kommunikation im Betrieb zu wünschen übrig lasse. Lissner rät den Mitarbeitern, eigene Interessenvertretungen wie Betriebsräte zu wählen. Als Gewerkschaft stehe man dabei unterstützend zur Seite.

Auch die Klagen über Mehlstauballergien häuften sich. „Je größer der Stress ist, desto flotter werden die Mehlsäcke ausgeschüttet – und desto mehr staubt’s dann auch in der Backstube. Das Gleiche gilt am Mehlsilo, wenn es schnell gehen muss. Für manche endet das mit heftigen Allergien“, erklärt der Gewerkschafter. Hier müssten die Arbeitgeber dringend etwas tun. Absauganlagen oder staubarme Trennmehle seien beispielsweise eine Lösung.

Verbesserungen fordert die NGG zudem beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld. „Eine vernünftige Extra-Zahlung gehört einfach dazu. Gerade dort, wo man täglich die Knochen hinhalten muss – oft schon ab drei Uhr morgens“, sagt Lissner. Schon seit 1995 seien die Sonderzahlungen in Sachsen nicht mehr per Tarifvertrag geregelt.

„Die Arbeitgeber haben jetzt die Chance, gemeinsam mit der NGG am Verhandlungstisch gute Tarifverträge zu vereinbaren und sich für die Zukunft des Bäckerhandwerks starkzumachen“, betont der Gewerkschafter. Nur mit guten Löhnen und sauberen Arbeitsbedingungen werde man die Schulabgänger für eine Ausbildung gewinnen – in der Region.


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