Deutscher Gewerkschaftsbund

08.03.2017
Leipzig

Strategiekonferenz Industrie der Zukunft

DGB am 07.03.2017 im Congress Center Messegelände

von: DGB SWS/hr
Dulig Hron

Sachsens Wirtschafts-, Verkehrs- und Arbeitsminister Martin Dulig und DGB Regionsgeschäftsführer Südwestsachsen Ralf Hron. Hron

Am 07.03.2017 trafen sich im Congress Center der Messe Leipzig Vertreter der Wirtschaft im Rahmen der Strategiewerkstatt Industrie der Zukunft im Auftrag des Sächsischen Ministeriums für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, um über die Zukunft des Industriestandortes zu diskutieren. In dem vom VDI/VDE Innovation + Technik GmbH organisierten Prozess geht es um Rahmenbedingungen, Herausforderungen und Perspektiven für die sächsische Industrie. Durch verschiedene Workshops, Befragungen und Veranstaltungen wie diese in Leipzig soll ein breiter Beteiligungsprozess erreicht werden. Die zuständige Abteilungsleiterin des Ministeriums drückte eingangs die Absicht aus, nicht nur die Unternehmen selbst, sondern auch die ArbeitnehmerInnen und ihre Vertretungen zu beteiligen. Ziel der Strategiewerkstatt ist es, Eckpunkte für eine Industriestrategie für Sachsen vorzuschlagen.

Zentrales Thema der Diskussion war die Veränderung des Wertschöpfungsprozesses durch Nutzung neuer Mess- und Überwachungstechnologie zur Informationsgewinnung und Effizienzsteigerung sowie vollständiger Vernetzung des Wertschöpfungsprozesses eines Produktes vom Beginn der Planung bis zum „Lebensende“, welches gemeinhin auch als Industrie 4.0 beschrieben wird. Dabei konzentrierte sich die Diskussion in erster Linie auf Einführung von Technik in den Betrieb sowie die Vernetzung von verschieden Firmen in einem Wertschöpfungsprozess. Während der Tagung am 07.03.2017 in Leipzig wurde die unmittelbare Arbeitnehmersicht allerdings wenig beleuchtet. Nach ersten Gesprächen mit den Prozessgestaltern und der Einladung zur Tagung in Leipzig soll allerdings eine gesonderte Werkstatt mit Workshop mit Betriebs- und Personalräten und Gewerkschaften stattfinden.

Werkstatt - Industrie der Zukunft

Werkstatt - Industrie der Zukunft Hron

Über die unbeleuchtete Seite der Digitalisierung und Industrie 4.0

Beteiligt als Referent sowie Diskutant in Leipzig war Prof. Dr.-Ing. Engelbert Westkämper (ehem. Leiter des Fraunhofer Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung, Stuttgart), Christian Rost (Vorstand Landesverband der Kultur- und Kreativwirtschaft), Maik Jähne (Vorstand Verbund offener Werkstätten) und Jens Kieselstein (Geschäftsführer der Kieselstein International GmbH) sowie Staatsminister Martin Dulig.

Die erfolgreiche Einführung neuer Technologien in den Prozess der Wertschöpfung, da waren sich alle Beteiligten einig, erfordere ein hohes Maß an Kommunikation aller Industriebetriebe, Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen sowie anderweitig am Wertschöpfungsprozess beteiligten Akteure. Auch aus diesem Grund, dass wurde von Staatsminister Martin Dulig betont, wurde die Diskussionsplattform Strategiewerkstatt Industrie der Zukunft geschafften. Prof.Dr.-Ing Engelbert Westkämper pflichtete bei, dass es durch die kommende gravierende Veränderung der Industriestruktur neben Gewinnern auch immer Verlierer gebe, und daher nicht nur die technik- und fortschrittsbegeisterten Ingenieure an der Umsetzung der Elemente von Industrie 4.0 beteiligt sein sollten, sondern eben auch solche, die der Veränderung der Produktionsprozesse mit Skepsis und Angst entgegen träten. In diesem Zusammenhang betonte Maik Jähne die Bedeutung der Kommunikation. Er verdeutlichte, dass sowohl der Kontakt mit ausländischen Kunden als auch innerhalb des Betriebes nur durch ein hohes Maß an geduldiger Kommunikation zur gewünschten Kooperation führt. Er machte deutlich, dass die Einführung von Informations- und Kommunikationstechnologien im Betrieb bei seinen Beschäftigten zunächst auf Ablehnung stieß und dem im Diskurs begegnet werden musste. Dies sei aber nötig, so Jähne, da es die Effizienz des einzelnen Arbeitnehmers steigere und er ohnehin schon keine Programmierer für weiter Digitalisierung finde. Um die Wettbewerbsfähigkeit von Sachsen aufrecht zu halten, so stimmten auch die anderen Teilnehmer zu, brauche man den Wandel in der Industrie in eine Industrie 4.0. Abschließend waren sich daher auch alle einig, dass der Staat durch Infrastruktur und Netzwerkprogrammen den KMU in Sachsen bei dem Schritt in den digitalisierten Produktionsprozess helfen muss.

Genau an diesem Punkt muss eigentlich jeder, der an diesem Prozess beteiligt ist aufbegehren, denn es fehlt bei der der Einführung neuer Prinzipien der Wertschöpfungsprozesse fast völlig der Gedanke über die Folgen derer, die diese Veränderung überhaupt ermöglichen, die arbeitenden Subjekte. Dieser Punkt wurde in der Diskussion nur über die Frage der Technikakzeptanz der Belegschaft verkürzt angesprochen. Gesundheitliche Folgen von Arbeitsverdichtung (Jähne erwähnte schließlich, dass er davon ausgehe, dass bald ein Arbeiter die Arbeit von momentan drei Arbeitern übernehmen könne), einer längeren Lebensarbeitszeit, Technikstress oder auch Entgrenzung von Arbeit und Leben, waren keine Diskussionspunkte. Sicherlich ist das nicht die erste Aufgabe von Arbeitgebern und Produktionsprozessforschung, sich darüber Gedanken zu machen, aber auch ihnen ist klar, dass durch den demografischen Wandel die einzelne Arbeitskraft an Bedeutung für den Produktionsprozess gewinnt. Oder um im Bild von Jähne zu bleiben, wenn eine Person die Aufgaben von vormals drei Arbeitern übernimmt, dann sollte diese Person möglichst nicht langfristig ausfallen, da die Alternativen wegrationalisiert wurden.

Es muss auch dafür Sorge getragen werden, dass ArbeitnehmerInnen am Prozess mitbestimmend beteiligt sind, nur so lässt sich eine kommunikative Kultur etablieren. Daher muss der Staat im gleichen Maße wie er Infrastruktur und Netzwerkprogramme für Betriebe anbietet, Unterstützungsangebote für die Institutionen, die Arbeitnehmer- und Gesundheitsschutz im Betrieb beachten, in aller erster Linie den Betriebsräten anbieten. Schließlich ist die Mitbestimmung im Betrieb essentiell, wenn es um die Frage von Arbeits- und Gesundheitsschutz geht. Durch die Beteiligung und Unterstützung der Arbeitnehmer und deren Perspektiven im Diskurs um die Industrie der Zukunft, ist die vielfach gewünschte Kommunikation zwischen allen Beteiligten nicht nur erst möglich, sondern bereits in der Umsetzung. Hier lässt sich auch die kulturelle Verwurzelung der Fabriken, die Prof. Dr.-Ing Westkämper ins Spiel brachte und damit die kulturelle Einbettung der Fabrik in das sozial-regionalem Umfeld beschrieb, argumentativ nutzen. Nur eine von Mitbestimmung geprägte Betriebs- und Regionalkultur bringt die Gewinner einer Veränderung hervor, denn nur so ist gewährleistet, dass ArbeitnehmerInnen selbstbestimmt am Diskurs um die Zukunft der Industrie teilnehmen.

 

von Felix Veerkamp (IMU-Institut, Chemnitz)


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