Deutscher Gewerkschaftsbund

10.08.2018
Britta Veltzke, Sächsische Zeitung vom 10.8. 2018

„Es herrscht Aufbruchsstimmung“

Gewerkschaftssekretär Thomas Lißner ist begeistert von seiner Arbeit mit den Teigwaren und wünscht sich Nachahmer.

Thomas Lißner, NGG

Thomas Lißner, NGG NGG

Riesa. Verkürzte Öffnungszeiten im Restaurant und im Nudelkontor, keine Frühlings- und Adventsmärkte mehr – dadurch haben die Teigwaren Riesa zuletzt in der Öffentlichkeit von sich reden gemacht. Diese Entscheidungen waren laut Gewerkschaftssekretär Thomas Lißner von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten aber nicht der ursächliche Grund dafür, dass die Belegschaft einen Betriebsrat gegründet hat. „Der Grund für die Wahl war der Wunsch zur Veränderung durch Mitbestimmung.“ Lißner hat den Prozess begleitet. Im SZ-Interview spricht er über die Stimmung in dem Werk an der Döllnitz – und über positive Überraschungen.

Herr Lißner, wie ist aktuell die Stimmung in der Teigwaren-Belegschaft?

Sehr erwartungsfroh. Das lässt sich nicht anders sagen. Die Betriebsratswahl war erfolgreich. Das hat Aufbruchsstimmung hervorgerufen. Immer mehr Beschäftigte treten in die Gewerkschaft ein. Sie haben Lust, mitzubestimmen und selbst aktiv zu werden.

Sie betonen, die Betriebsratswahl sei erfolgreich gewesen. Ist das nicht selbstverständlich, wenn die Bemühungen schon so weit reichen?

Nein, das ist nicht selbstverständlich. Wir erleben es leider sehr oft, dass Geschäftsführungen ihren Mitarbeitern drohen, sobald sie das Wort Betriebsrat nur hören. Dabei gibt es ja einen gesetzlichen Anspruch auf einen Betriebsrat. Aber besonders im Bäckerhandwerk ist man da sehr restriktiv. Da wurde schon der ein oder andere Betriebsrat verhindert, weil der Druck auf die Beschäftigten zu groß wurde. Daher gibt es in ganz Sachsen auch nur einen einzigen Bäckerbetrieb, der eine Arbeitnehmervertretung hat. Bei den Teigwaren in Riesa ist das alles sehr vorbildlich gelaufen.

Und wie?

Es waren 120 Beschäftigte bei der ersten Wahlversammlung dabei und es gab keinerlei Störfeuer von der Geschäftsleitung, ganz im Gegenteil. Die Werkleiterin Yvonne Berger ist sogar auf mich zugekommen, um zu fragen, was es nun zu beachten gilt. Das ist zur Abwechslung mal eine super positive Erfahrung. Am Dienstag hat dann das erste offizielle Gespräch zwischen Betriebsrat und Geschäftsführung stattgefunden. Darin wurden erste Punkte besprochen, etwa wie man in Zukunft mit Überstunden umgehen will. Das bringt für beide Seiten Vorteile: Die Geschäftsleitung kann flexibel auf Auftragsspitzen reagieren und die Beschäftigten können sich darauf verlassen, dass sie Überstunden wieder nach eigenem Wunsch absetzen können.

An Betriebsräte ist Geschäftsführerin Irmgard Freidler sicher schon aus ihren Nudelwerken in Westdeutschland gewöhnt.

Nein, Riesa wird der erste Standort der Unternehmensgruppe Albgold mit einem Betriebsrat sein.

Sie berichten von positiver Stimmung bei den Teigwaren. Gibt es nicht auch Existenzängste? Schließlich drohen Entlassungen.

Davon ist eine Handvoll der rund 180 Mitarbeiter betroffen. Ihnen wurden andere Stellen im Unternehmen angeboten. Die Familie Freidler will sich auf das Kerngeschäft konzentrieren. Das bedeutet: Es wird keine Massenentlassungen geben.

Was ändert sich durch die Betriebsratsgründung konkret bei den Teigwaren?

Vorher konnte der Arbeitgeber in allen Bereichen allein bestimmen. Jetzt muss sich die Geschäftsführung mit dem Betriebsrat in gewissen Fragen abstimmen, zum Beispiel was Arbeitszeit, Einstellungen und Kündigungen angeht.

Was denken Sie: Warum hat sich nicht schon eher ein Betriebsrat gegründet?

Es hängt ganz einfach an einigen mutigen Menschen, die sagen: Wir nehmen das jetzt in die Hand – trotz des großen Aufwands. Da steckt viel Arbeit dahinter. Gerade, wenn man keine Erfahrungen hat.

Wird es jetzt einen Vollzeitbetriebsrat bei den Teigwaren geben?

Nein, das ist erst ab 200 Beschäftigen möglich. Aber auch wenn das nicht gegeben ist, muss Betriebsräten jederzeit die Möglichkeit gewährt werden, ihrer Arbeit nachzukommen.

Das Gespräch führte Britta Veltzke, Sächsische Zeitung vom 10.8. 2018

 


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