Deutscher Gewerkschaftsbund

05.03.2018
NGG

100 Jahre Frauenwahlrecht, aber noch keine Lohngerechtigkeit

Frauen machen 74,5 Prozent aller Teilzeit- und Minijobs in Südwestsachsen

NGG kritisiert ungleiche Bezahlung.

NGG kritisiert ungleiche Bezahlung.
Hron NGG

Die Teilzeit und der Niedriglohn – in Südwestsachsen ist beides weiblich: Noch immer sind hier rund 74,5 % Prozent aller Teilzeit- und Minijobs in Frauenhand. Darauf hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zum Internationalen Frauentag hingewiesen. Bei den rund 149.100 Teilzeit-Stellen in der gesamten Region Südwestsachsen liegt der Frauenanteil nach Angaben der Arbeitsagentur sogar bei 81 Prozent.

Volkmar Heinrich, Geschäftsführer der NGG Dresden-Chemnitz, spricht von einer „Karrierefalle“: Gerade in Hotels, Restaurants und Bäckereien seien Minijobs und Teilzeit-Verträge stark verbreitet. „Die Kellnerin in Vollzeit ist die Ausnahme“, so Heinrich. Wer jedoch 20 oder 25 Stunden arbeite, habe es beim beruflichen Aufstieg deutlich schwerer. Das gehe aus einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung hervor. Danach sind für Teilzeit-Beschäftigte auch Gehaltszuwächse und Beförderungen seltener.

„Bei der Bezahlung stehen Frauen allgemein weiterhin deutlich schlechter da als Männer“, kritisiert Heinrich. So verdienten Frauen in Deutschland zuletzt 21 Prozent weniger als Männer. Das hat das Statistische Bundesamt ermittelt. Im EU-Durchschnitt lag der so genannte „Gender Pay Gap“ dagegen lediglich bei 16 Prozent. „Es kann nicht sein, dass Paula nur deshalb auf bis zu mehrere Hundert Euro pro Monat verzichten muss, weil sie nicht Paul heißt“, kritisiert Heinrich.

Zwar gebe es für Frauen in Chemnitz seit diesem Jahr erstmals einen Rechtsanspruch darauf zu erfahren, was ein männlicher Kollege in ähnlicher Position verdient. Doch das Lohntransparenzgesetz gilt lediglich in Betrieben mit mehr als 200 Beschäftigten. „Davon hat kaum eine Köchin oder Bäckereifachverkäuferin im Kleinbetrieb etwas“, bemängelt Gewerkschafter Heinrich. Hier müsse die künftige Bundesregierung dringend nachbessern.

Sollte die Politik nicht deutlich mehr gegen die Lohnungerechtigkeit unternehmen, dürfte sich nach Einschätzung der NGG auch die Altersarmut für Frauen in Chemnitz verschärfen. „Geringere Löhne und kürzere Arbeitszeiten sorgen für magere Renten. Außerdem tragen Erziehungs- und Pflegezeiten dazu bei, dass nur wenige Rentenpunkte zusammenkommen“, erklärt Volkmar Heinrich.

In einer aktuellen Studie beziffert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die „weibliche Rentenlücke“ in den neuen Bundesländern auf 23 Prozent. Ein Rentner erhält demnach Bezüge von durchschnittlich 1.056 Euro im Monat. Eine Rentnerin kommt dagegen nur auf 818 Euro. Heinrich: „Am Ende ist das auch für den Staat eine teure Sache. Die öffentliche Hand muss dann Armutsrenten durch Grundsicherung im Alter und Zuschüsse fürs Wohnen aufbessern.“

Hinzu kommt: Im Beruf sind nach Beobachtung der NGG noch immer viele Frauen Diskriminierung ausgesetzt. „Zotige Sprüche an der Theke sind da noch das Geringste“, so Heinrich. In 80 Prozent aller Fälle von sexueller Belästigung von Frauen gehe die Gewalt von einem Mann aus. Dies hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in einer aktuellen Studie festgestellt.

Positiv wertet die NGG Dresden-Chemnitz, dass sich immer mehr Frauen gegen Ungerechtigkeiten im Arbeitsleben zur Wehr setzten. Dabei könnten sie auf die Hilfe der Gewerkschaft zählen – per Rechtsschutz lasse sich etwa der übergriffige Kollege abmahnen.

Mit Blick auf das 100-jährige Bestehen des Frauenwahlrechts sagt Volkmar Heinrich: „Nach der rechtlichen Gleichstellung muss auch eine vollständige Gleichbehandlung im Job kommen. Unterschiedliche Löhne für Männer und Frauen darf es heute nicht mehr geben.“


Nach oben

Themenverwandte Beiträge

Artikel
Minister ruft zur Betriebsratswahl auf
Der Wirtschafts-, Arbeits- und Verkehrsminister Sachsens Martin Dulig hat am 1. März zu einer Beteiligung an den Betriebsratswahlen aufgerufen. Eine starke Interessenvertretung der Belegschaften in den Betrieben ist für die Beschäftigten wichtig. Dies gilt vor allem für die Gestaltung der Beschäftigungsbedingungen und auch für gesamtgesellschaftliche Fragen . Es geht in Zukunft um die Gestaltung der Digitalisierung und die internationale Neuausrichtung von Unternehmen. Betriebsräte seien zuverlässige Partner die Demokratie im Betrieb zu voranzubringen. weiterlesen …
Artikel
1. Mai 2018 in Südwestsachsen
In Südwestsachsen werden von den DGB Gewerkschaften zum Tag der Arbeit zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt. Hier erhaltet ihr und Sie einen Überblick für die einzelnen Orte zum Download. Weitergabe ausdrücklich erwünscht! Die in diesem Jahr erzielten Tarifergebnisse der Gewerkschaften mit den Kolleginnen und Kollegen lassen sich sehen. Weitere Tarifrunden laufen und werden folgen. Am 1.Mai fordern die Kolleginnen und Kollegen weltweit gute Lebensbedingungen. Wir leben für Vielfalt, Solidarität und Gerechtigkeit. weiterlesen …
Artikel
Equal Pay Day 2018
Gemeinsam haben Gewerkschafterinnen mit der städtischen Gleichstellungsstelle und anderen regionalen Frauenvereinen am 16.03.2018 in Chemnitz eine öffentliche Aktion am Roten Turm zum Equal Pay Day durchgeführt. Mit der Aktion machen die Frauen vom DGB Südwestsachsen auf die Lohnunterschiede zwischen Frauen und Männern aufmerksam. „Dort, wo Gewerkschaften aktiv und Betriebsräte vorhanden sind, ist die Entgeltlücke nachweislich geringer. weiterlesen …

Zuletzt besuchte Seiten